muss alles verfügbare Material ausgewertet werden, dazu ist umfassende Recherchearbeit nötig und ein Blick in andere Regionen zum Umgang mit dem Thema.
“Nur weil ein Mann Mitglied der NSDAP gewesen ist, muss er ja nichts Schlimmes getan haben.” Zitat aus dem Pressebericht nachlesbar hier
Verharmlosung rassistischer, nationalistischer und antisemitischer Ideologie statt Namenswechsel wenn Fakten aus dem Lebenslauf bekannt werden mit denen man sich nicht identifizieren will?
Bewusste Erinnerung an die Vergangenheit erfordert auch den Mut zur Umbenennung.
Anderswo wurden solche Umbenennungen längst vorgenommen:
1999 wurÂde die Hedwig-Heyl-SchuÂle in FrankÂfurt umbenannt weil Fakten aus dem Leben von Hedwig Heyl bekannt geworden waren mit denen sich die Schule nicht identifizieren wollte.
Die Bremer Historikerin Doris Kaschulle hatte bereits Anfang der neunziger Jahre darauf hingewiesen, dass Heyl, die als die Wegbereiterin für die Professionalisierung der Hauswirtschaft gilt, eine begeisterte Anhängerin der Hitler-Bewegung gewesen war.
Zu diesem Thema ein Bericht aus der Rhein-Lahn-Zeitung
Die braune Vergangenheit des Limburger Landrats Heinz Wolf
Limburg – Die Vergangenheit des ehemaligen Landrats des Kreises Limburg-Weilburg, Heinz Wolf, ist nach mehrjähriger Unterbrechung wieder in der Diskussion. Den Anstoß gab ein Antrag der Linken im Kreistag Limburg-Weilburg im vergangenen Jahr. Daraufhin wurde im Kreishaus untersucht, ob Wolf während der NS-Zeit etwas mit Euthanasie und Psychiatrie-Einweisungen zu tun hatte.
Wolf, 1908 in Limburg geboren und 1984 gestorben, war von 1964 bis 1975 Landrat im Landkreis Limburg – von Juli 1974 an im Kreis Limburg-Weilburg. Nach dem Ausscheiden aus dem politischen Amt wurde er 1975 zum Ehrenbürger der Stadt Limburg ernannt. Damals beschäftigten sich schon einmal Historiker mit ihm, zu einem Ergebnis kam man allerdings nicht. Später wurde die Kreissporthalle in Limburg nach ihm benannt.
Auch neuerliche Recherchen durch die beim Kreisausschuss tätige Historikerin Dr. Marie-Luise Crone erbrachten keinen Hinweis auf ehrenrührige Aktivitäten Wolfs im Nationalsozialismus. Allerdings befasste sich Crone, dem Antrag der Linken folgend, offenbar allein mit der Frage, ob der im Mai 1933 der NSDAP beigetretene Jurist Einfluss auf Morde in Hadamar hatte. Dort wurden im Rahmen der sogenannten Aktion T 4 in der Gaskammer der damaligen psychiatrischen Landesheilanstalt 10 113 Menschen mit geistig und körperlichen Behinderungen ermordet, später durch tödliche Injektionen, Medikation und durch vorsätzliches Verhungernlassen mehr als 4380 weitere Personen umgebracht.
Andere Experten, die sich mit Wolfs Vergangenheit befassen, kommen zu anderen Ergebnissen. Der Kriminologe und Schriftsteller Dieter Schenk aus Lampertsfeld, mehrfach ausgezeichneter Honorarprofessor in Danzig und Ehrenbürger der polnischen Stadt Lodz, ist bei Recherchen zu seinem Buch „Die Post von Danzig – Geschichte eines deutschen Justizmordes“ auch immer wieder dem Namen Wolf begegnet. Dieser war von 1939 bis 1944 als Staatsanwalt in Danzig tätig. Dort vertrat er hin und wieder Generalstaatsanwalt Kurt Bode. Darüber berichtete die Hersfelder Zeitung. Nach Schenks Erkenntnissen hatte der Limburger Heinrich Anton Wolf als Anklagevertreter vor dem Sondergericht Danzig in mindestens zwei Fällen seinen Beitrag dazu geleistet, dass Menschen wegen Nichtigkeiten zum Tode verurteilt wurden.
So wurde ein Deutscher wegen landesverräterischer Feindbegünstigung in Tateinheit mit Heimtücke sowie als Volksschädling wegen Diebstahl zum Tod verurteilt. Dabei hatte der Mann lediglich gegenüber Polen geäußert, dass Deutschland den Krieg verlieren werde. Zudem besaß er ein NSDAP-Parteiabzeichen, obwohl er kein Mitglied war. Außerdem wurde ein Deutschstämmiger wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Auch er hatte geäußert, dass der Russland-Feldzug kein gutes Ende für die Deutschen nehmen werde, schreibt die Hersfelder Zeitung. Bei diesen beiden Prozessen sei Wolf als Beamter der Staatsanwaltschaft zugegen gewesen. Schenk geht davon aus, dass es noch mehr Material gegen Wolf geben dürfte. Nachprüfen könne er es auf die Schnelle aber nicht. Sämtliche Unterlagen über die Vorgänge in Danzig, die er für die Buchrecherche zusammengetragen hatte, habe er an das Danziger Archiv des Nationalen Gedenkens übergeben.
Martina Hartmann-Menz saß von 2001 bis 2006 für die Grünen im Kreistag Limburg-Weilburg. Ihr privates Interesse gilt der Aufarbeitung historischer Vorgänge und Zusammenhänge, weshalb sie sich auch mit Heinz Wolf befasst. Wolf wechselte 1944 nach Frankfurt am Main und blieb dort bis 1951 Oberstaatsanwalt. In dieser Funktion schrieb er laut Hartmann-Menz ein Empfehlungsschreiben für seinen ehemaligen Vorgesetzten Bode, der somit 1950 wieder in den Staatsdienst eintreten konnte. Hartmann-Menz: „Nach menschlichem Ermessen ist es unvorstellbar, dass Wolf von dem Tun Bodes, das Günter Grass in seinem Buch ‚Die Blechtrommel‘ historisch korrekt nachvollzogen hat, keine Kenntnis hatte.“ Auf Bodes Spruch wurden nach einem Kriegsberichtsprozess 38 Todesurteile vollstreckt. Schenks Buch führte 1999 zu einem posthumen Freispruch der Hingerichteten.
Auch Beiträge Wolfs als Rechtsreferendar in einer Beilage der Lahnzeitung, in denen er sich konform mit dem Erbgesundheitsgesetz von 1933 äußerte (das Gesetz war die juristische Grundlage der hunderttausendfachen Zwangssterilisationen) und Wolfs Befürwortung der Spätabtreibung im fünften Monat vor dem Hintergrund der „Gefährdung für das deutsche Volk“, gelte es zu beachten. Ebenso die Tatsache, dass Wolf in den Nürnberger Prozessen als Verteidiger des Industriellen Alfred Krupp tätig war. Diese Fakten reichen nach Ansicht von Hartmann-Menz aus, um Heinz Wolf die Ehrenbürgerschaft der Stadt Limburg abzusprechen. „Muss dies nicht allein deshalb geschehen, weil auch der Limburger Altbischof Franz Kamphaus wegen seines konsequenten Eintretens für Behinderte und Schwache diese Auszeichnung erhalten hat“, fragt sie. Auch die Rücknahme der Ehrung Wolfs durch die Benennung der Kreissporthalle ist nach Ansicht von Hartmann-Menz überfällig, da er diese Auszeichnung vor dem Hintergrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit nicht verdiene. Dieter Fluck

